Interview: „Die Pharmaindustrie muss umdenken!“

Der Depressionsforscher, Psychiater und Chemiker Professor Florian Holsboer ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie und Honorarprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für seine bedeutenden Forschungen zum Thema „Personalisierte Depressionstherapie“ wurde er mit dem renommierten Robert Pfleger-Forschungspreis 2012 geehrt.

Herr Professor Holsboer, kann man die Depression als Volkskrankheit bezeichnen?

Wenn Sie so wollen, ja. Das Risiko jedes Einzelnen, zumindest einmal im Leben an einer schweren Depression zu erkranken, liegt zwischen 10 und 12 Prozent. Bei einer erblichen Veranlagung ist die Wahrscheinlichkeit sogar deutlich höher.

Die Depression ist also vererbbar?

Zu einem Teil. Wie alle komplexen Erkrankungen entsteht auch die Depression durch Wechselwirkungen zwischen Veranlagung und äußeren Einflüssen wie Ernährung, Lebensgewohnheiten oder Kindheitserlebnissen. Damit die Erkrankung ausbrechen kann, muss jedoch eine Disposition vorliegen.

Wie lässt sich diese genetische Komponente belegen?

Empirisch lässt sich das beispielsweise durch Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung belegen: So erkrankt ein eineiiger Zwilling, dessen Bruder oder Schwester an einer Depression leidet, mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls daran – das ist rund fünfmal so häufig wie in der Normalbevölkerung. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie forschen wir seit mehr als 20 Jahren zu diesem Thema. Durch genetische Studien können wir heute Zielstrukturen identifizieren, die mit der Entstehung der Depression assoziiert sind. Einige dieser Zielstrukturen sind biochemisch so definiert, dass man ihre biologische Funktion durch kleine chemische Moleküle korrigieren kann. Diese Moleküle bilden die Grundlage innovativer Medikamente. Damit beschäftigt sich die Pharmakogenetik, also ein Wissenschaftszweig, bei dem das pharmazeutische Produkt auf genau definierte Zielstrukturen gerichtet ist, die sich aus den DNA-Sequenzvarianten ableiten. Die Erkenntnisse daraus sind auch Teil unseres Ansatzes der Personalisierten Depressionstherapie.

Können Sie diesen Ansatz näher erläutern?

Ein tragender Pfeiler der Personalisierten Depressionstherapie ist die genetische Disposition als Kausalmechanismus der Depression. Demnach wird die künftige Therapie sich nicht mehr nur auf traditionelle diagnostische Zuordnungen wie etwa die Symptombeschreibungen der Betroffenen stützen, sondern auf die individuelle Biosignatur des einzelnen Patienten. Diese Biosignatur setzt sich aus Ergebnissen von Gentests sowie aus Biomarkern, also genau definierten biologischen Merkmalen zusammen. Die Patienten werden also individuell nach ihren genetischen Besonderheiten charakterisiert. Diese Biomarker umfassen etwa die Genaktivität, die hieraus entstehenden Proteine sowie Abbauprodukte des Fett- und Kohlenhydratstoffwechsels. Zudem gibt es klinische Biomarker wie etwa Hormontests, die Messung der Hirnstromkurve während des Schlafes sowie bildgebende Verfahren. Dadurch werden nicht nur die auf vielen Genen durch geringe Variationen verankerten, angeborenen Veranlagungen erfasst, sondern auch die im Laufe des Lebens erworbenen Veränderungen der Funktion und Schaltkreise unserer Gehirnzellen. Ziel dieses Ansatzes ist es, pathologischen Prozessen entgegenzuwirken, noch bevor die ersten klinischen Symptome auftreten.

Werden hierdurch herkömmliche Diagnosen und Therapieformen komplett ersetzt?

Die klinische Symptombeschreibung der Depression wird es wie bisher auch weiterhin geben. Sie wird aber im Rahmen der personalisierten Medizin durch Gentests und Biomarker ergänzt. So erhalten wir ein detailliertes biologisches Profil des Patienten und können seine Depression zielgenau und ganz individuell behandeln. Zudem können wir gezielt Medikamente entwickeln und einsetzen, die spezifisch auf die jeweiligen krankheitsverursachenden Mechanismen gerichtet sind.

Wie unterscheidet sich davon der traditionelle Ansatz?

Die Pharmaindustrie setzt derzeit noch auf breit wirkende Präparate, sogenannte Blockbuster. Bei einer bakteriellen Infektion, bei der man den Erreger nicht kennt, wird ein Breitbandantibiotikum gegeben. Analog sollen auch alle unter der Diagnose Depression zusammengefassten Patienten mit demselben Antidepressivum behandelt werden. Zwar kann das äußere klinische Erscheinungsbild der Betroffenen weitgehend ähnlich sein. Dennoch können sich die krankheitsverursachenden Mechanismen bei all diesen Patienten völlig unterscheiden, genau wie bei einer Infektion ähnliche Beschwerden durch ganz unterschiedliche Erreger hervorgerufen werden können. Und genau hier setzt die personalisierte Medizin an und geht auf die individuellen Unterschiede ein.

Und was hat der Patient davon?

Im Rahmen der personalisierten Medizin entwickelte Medikamente wirken wesentlich gezielter als herkömmliche Breitbandpräparate und sind daher auch besser verträglich. Die Patienten bleiben also weitgehend von Nebenwirkungen verschont. Außerdem wird die Behandlung beschleunigt und die Patienten werden schneller wieder gesund, was auch die Gesundheitskosten langfristig senkt. Im Übrigen entstehen durch die gezielt wirkenden Arzneimittel keine höheren Kosten als durch die herkömmlichen Blockbuster.

Muss die Pharmaindustrie umdenken?

Langfristig ja. Momentan bilden die breit wirkenden Medikamente nach wie vor den Schwerpunkt, auch bei den Neuentwicklungen. Dies wird sich jedoch aufgrund der Forschungsergebnisse zur personalisierten Therapie über kurz oder lang ändern. Das Hauptargument der Pharmaindustrie, die individuell wirkenden Präparate seien zu teuer, stimmt nicht. Denn Kostentreiber bei Forschung und Entwicklung von Antidepressiva sind die großen klinischen Studien, die 85 Prozent der Gesamtkosten ausmachen. Die Studien müssen nachweisen, dass das Medikament für die Gesamtheit aller an Depression erkrankten Patienten besser wirkt als ein Placebo. Arzneien für die personalisierte Medizin müssen diesen globalen Wirknachweis nicht erbringen, sie müssen nur bei definierten Untergruppen wirken. Die Entwicklungskosten sind hier wesentlich niedriger, weil die klinischen Studien nur an kleinen Patientengruppen durchgeführt werden müssen. Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie forscht intensiv auf dem Gebiet der personalisierten Depressionstherapie und gibt die Erkenntnisse zur Entwicklung neuer Pharmaka an Firmen weiter. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Arbeit der Forschungsinstitute der Allgemeinheit zu Gute kommt.

Haben die Fälle von Depressionserkrankungen in den vergangenen Jahren zugenommen?

Das lässt sich nicht genau feststellen. Die Depression ist im Gegensatz zu anderen Erkrankungen mit einem Stigma belastet. Wer gibt schon gerne zu, depressiv zu sein? Daher besteht eine hohe Dunkelziffer von Erkrankten, die nicht in der Statistik erscheint. Auch die Anzahl der Suizide lässt sich nicht exakt messen: Die Statistik spricht zwar von etwa 10.000 Selbstmorden pro Jahr in Deutschland. Dazu kommen jedoch rund 23.000 unnatürliche Todesfälle, wovon nach Schätzungen etwa weitere 5.000 Fälle zu den Suiziden gerechnet werden. Unbestritten verzeichnete die Krankheit aber in den vergangenen Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien, wodurch der Eindruck einer Zunahme entstehen kann. Man denke nur an den Freitod des Nationaltorwarts Robert Enke. Die vermehrte Berichterstattung hat allerdings auch Positives bewirkt, nämlich eine Öffnung der Gesellschaft gegenüber dem Tabuthema Depression und eine Entstigmatisierung der Betroffenen.

Herr Professor Holsboer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christian Wild.