Interview: „Wir riechen nicht nur mit der Nase“

| Interview mit dem Riechforscher Professor Dr. Hanns Hatt, Leiter des Lehrstuhls für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum und Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Bild Prof. Dr. Hanns Hatt
Prof. Dr. Hanns Hatt

| Herr Professor Hatt, riechen wir tatsächlich nicht nur mit der Nase?
| Hanns Hatt: Wir wissen schon seit einigen Jahren, dass Düfte in vielfältiger Weise auf uns wirken können. So findet man die Riechrezeptoren, die für die Wahrnehmung von Düften verantwortlich sind, neben den Riechzellen in der Nase auch in anderen Körperzellen – zum Beispiel in Zellen der Prostata, im Gehirn und im Magen-Darmtrakt. Darüber hinaus können Düfte, die über die Atemluft und Lunge oder über Auftragen auf die Haut ins Blut und auf diesem Wege bis ins Gehirn gelangen, dort direkt Neurotransmitterkanäle (GABA) beeinflussen. So konnten wir vor kurzem für einen Duft aus dem Jasmin zeigen, dass er bei Mäusen mit dem gleichen molekularen Wirkmechanismus, aber sogar noch deutlich stärker als Valium die Antwort von GABA-Kanälen potenziert und damit einen sedierenden und angstlösenden Effekt hat. Die Mäuse schlafen ein. Hohe Duftstoffkonzentrationen aktivieren zusätzlich zum Riechsystem den Nervus trigeminus, den Warn- und Schmerznerv in unserem Gesicht. Eine Überdosierung von Düften im Raum führt dehalb häufig zu Kopfschmerzen und Übelkeit,. Man kann diesen Effekt aber auch therapeutisch zur Schmerzlinderung benutzen , wie zum Beispiel das Kauen von Nelken bei Zahnschmerzen oder Erzeugen von Kälte bzw.- Hitzeempfinden durch Menthol oder Capsaicin zeigt. Wir riechen also keineswegs nur mit den Riechzellen der Nase. Aus der Aromatherapie wissen wir schon heute, dass mit Gerüchen wirkungsvoll Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen gelindert werden können. Hier muss natürlich weiter erforscht werden, in wieweit Geruchsstoffe in Zukunft vielleicht Antidepressiva oder andere Psychopharmaka mit starken Nebenwirkungen ersetzen können.