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Interview: „Krankenkassen sind keine Unternehmen“

| Interview mit Josef Ahmann, Geschäftsführer der Dr. R. Pfleger Chemische Fabrik GmbH in Bamberg.


| Wie hat sich die Wirtschaftskrise auf den Gesundheitsmarkt ausgewirkt?

| Man muss ganz klar sagen, dass die Wirtschaftskrise die seit langem in der Gesundheitswirtschaft bestehenden Probleme allenfalls weiter verstärkt hat. Wir spüren schon seit einigen Jahren deutlich die Auswirkungen einer Gesundheitspolitik, die bereits seit den 80er Jahren nicht mehr mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Gegebenenheiten übereinstimmt. Halbherzige Versuche der Politik, mit neuen gesetzlichen Regelungen den massiven strukturellen Problemen zu entgegnen, haben nicht zu einer Verbesserung der Situation beigetragen, sondern die Situation insbesondere für mittelständische Unternehmen im Gesundheitsbereich weiter verschärft..

| Was läuft falsch in der deutschen Gesundheitspolitik?

| Die Fakten sind hinlänglich bekannt: wir haben seit den frühen 80er Jahren eine sinkende Geburtenrate, mit einem statistischen Mittel von aktuell 1,33 Kindern pro Frau. Zum Vergleich: Im Jahr 1871 bekam eine Frau durchschnittlich fünf Kinder. Deutschland befindet sich damit in einem globalen Trend, der auch als „demografisch-ökonomisches Paradoxon“ bezeichnet wird: Je wohlhabender, freier und gebildeter eine Gesellschaft wird, desto weniger Kinder bekommt sie. Hinzu kommt eine immer weiter steigende Lebenserwartung und damit insgesamt eine Überalterung der Gesellschaft. Die Frage nach der Stabilität des Rentensystems ist eine Konsequenz aus dieser Entwicklung, die bereits intensiv diskutiert wird. Unser Gesundheitswesen ist natürlich in gleichem Maß betroffen: Immer weniger junge Menschen zahlen in das Gesundheitssystem ein, während gleichzeitig immer mehr ältere Menschen die Leistungen in Anspruch nehmen. Dieser Trend ist seit mehr als 30 Jahren bekannt, aber es wurden bis jetzt keine sinnvollen Maßnahmen ergriffen, die das Gesundheitssystem auf Dauer tragfähig erhalten.

|Wenn man die Situation einmal losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Komponente sieht, sollten die Unternehmen in der Gesundheitswirtschaft doch zufrieden sein: Der Bedarf an Medikamenten und Gesundheitsleistungen steigt kontinuierlich.

| Gleichzeitig sind aber auch die Entwicklungskosten für neue, wirksame Medikamente exorbitant gestiegen. Die zahlreichen Fusionen ehemals mittelständischer Pharmaunternehmen zu Großkonzernen wie Pfizer, Aventis oder Novartis in den letzten Jahren sind natürlich kein Zufall. Speziell in Deutschland sind von etwa 250 bis 300 kleinen und mittelgroßen Pharmafirmen nur noch wenige unabhängige Hersteller übrig geblieben, und die können die Kosten für Neuentwicklungen schon längst nicht mehr stemmen. Darum findet in Deutschland – das früher einmal die „Apotheke der Welt“ gewesen ist – inzwischen so gut wie keine Grundlagenforschung mehr statt.

|Mit welchen Strategien reagiert ein mittelständisches Unternehmen wie Dr. Pfleger?

| Wie die meisten unserer Mitbewerber konzentrieren wir uns inzwischen auf das Geschäft mit rezeptfrei erhältlichen Medikamenten (so genanntes OTC-Geschäft) und den Handel mit Generika (Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist und die deshalb frei produziert werden dürfen). Der letzt genannte Markt war über viele Jahre hinweg ein lukratives Geschäft, denn Generika können im Handel rund 70 Prozent günstiger angeboten werden, als das Originalpräparat. Es ist auch ein verhältnismäßig großer Markt, denn rund 66 Prozent aller in Deutschland erhältlichen Medikamente sind Generika. Für die Krankenkassen und die Gesundheitspolitik ist diese Entwicklung natürlich ebenfalls vorteilhaft, denn mit festgelegten Höchstbeträgen für jedes Medikament ist eine gewisse Kostenkontrolle bei der Arzneimittelversorgung möglich. Die letzte Bundesregierung hat dieses System jedoch grundsätzlich aus dem Gleichgewicht gebracht, indem sie den Krankenkassen erlaubt hat, gemeinschaftlich in europaweiten Rabattausschreibungen den jeweils günstigsten Anbieter für ein Medikament zu verpflichten und den Apotheken vorzuschreiben, ausschließlich das Medikament dieses Anbieters zu verkaufen.

|War das nicht ein wettbewerbsfördernder Gedanke, der dazu beigetragen hat, Gesundheitskosten weiter zu senken?

| Leider sind die Zusammenhänge im Gesundheitswesen wesentlich komplexer. Die europaweiten Ausschreibungen haben zum einen dazu geführt, dass Hersteller aus Indien, Bangladesh oder Israel, die Medikamente grundsätzlich wesentlich günstiger anbieten können als europäische Unternehmen und durch die simple Einrichtung einer Niederlassung in einem europäischen Land an diesen Ausschreibungen teilnehmen konnten. Natürlich haben sie in den meisten Fällen auch den Zuschlag erhalten. Zum anderen haben auch die Pharma-Großkonzerne ein starkes Interesse am Generika-Geschäft, das sie notfalls sogar mit ihren enormen Gewinnen aus dem Geschäft mit patentgeschützten Medikamenten stützen, um ihren Namen im Markt zu halten. Zwischen diesen beiden Polen – den Billiganbietern und den Großkonzernen – wird der Mittelstand in der Gesundheitswirtschaft seit Jahren zerrieben. Eine Gemeinschafts-Rabattsausschreibung aller Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) deckt rund 40 Prozent des Bedarfs in Deutschland für ein bestimmtes Medikament ab – nur wer diese Ausschreibung gewinnt, kann Geld verdienen. Hier zeigt sich die enorme Ungleichbehandlung der Gesundheitswirtschaft gegenüber anderen Branchen: Wenn heute mehrere Unternehmen eine Gemeinschaftsbeschaffung für ein Produkt organisieren, um 40 Prozent eines Marktes zu bedienen, schreitet sofort das Kartellamt ein. Krankenkassen sind aber nunmal keine Unternehmen, deswegen werden sie in diesem Punkt nicht reglementiert und sind rechtlich auch kaum angreifbar.

|Wohin wird diese Entwicklung langfristig führen?

| Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Gesundheitsmarkt zunehmend oligopolistische Formen annimmt, das heißt, dass er immer stärker von einigen wenigen Herstellern dominiert wird. Immer wenn sich solche Oligopole bilden, besteht natürlich die konkrete Gefahr von Preismonopolen, wie uns ja die Erdölwirtschaft zu jedem Ferienbeginn vor Augen führt. Wenn einige wenige Anbieter entscheiden, dass Grippe-Medikamente zu Beginn der Wintersaison insgesamt verteuert werden, kann das niemand mehr verhindern oder regulieren, da eine Vielzahl anderer Wettbewerber, die normalerweise für Preisregulierung sorgen, inzwischen ausgeschieden sind. Es steht außerdem zu befürchten, dass die Gesundheitsversorgung insgesamt schlechter wird. Dr. Pfleger vertreibt beispielsweise sein Medikament Spasmex schon heute nicht im westeuropäischen Raum, weil die jeweiligen staatlich reglementierten Niedrigpreise für uns keine Gewinne mehr ermöglichen. So verschwinden hoch wirksame Medikamente vom Markt, einfach weil sie keine Gewinne mehr abwerfen.

|Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?

| Für die mittelständische Gesundheitswirtschaft kann nur durch eine Rückkehr zum Festpreis-Instrumentarium das Schlimmste verhindert werden. Die Krankenkassen müssen wieder einen festen Höchstpreis festlegen, den ein Medikament kosten darf. Dann müssen alle Anbieter die Möglichkeit haben, in diesem Markt mitzuhalten, wobei die Entscheidung über das verwendete Produkt nicht mehr durch den Apotheker gefällt wird, sondern wie früher durch das Rezept des Arztes. Denn er weiss am Besten, ob beispielsweise ein Medikament, das durch einen speziellen Überzug leichter zu schlucken ist, für den aktuellen Patienten besser geeignet ist. Er kann also unter mehreren identischen Wirkstoffen das Produkt auswählen, das seiner Ansicht nach die Heilung optimal fördert, oder auch einfach grundsätzlich inländischen Präparaten den Vorzug geben, um die einheimische Wirtschaft zu unterstützen.
Gesamtgesellschaftlich werden wir um zwei Wahrheiten nicht herumkommen: Erstens müssen die Menschen anfangen, sich deutlich mehr selbst um ihre Gesundheit zu kümmern. Eine Vielzahl von Krankheiten sind durch regelmäßige Bewegung, gute Ernährung und ein insgesamt gesundheitsbewusstes Leben absolut vermeidbar. So lassen sich Einsparungen im Gesundheitswesen am Wirksamsten realisieren. Zweitens wird die Politik der Bevölkerung mittelfristig sagen müssen: Das Gesundheitssystem ist in seiner jetzigen Form aufgrund der enormen demografischen Veränderungen einfach nicht mehr bezahlbar. Wir brauchen ein grundsätzliches Kostenbewusstsein bei den Patienten, das beispielsweise dadurch erzielt werden kann, dass auch Mitglieder gesetzlichen Kassen ihre Arztrechnungen zunächst selbst zahlen müssen und erst später die Erstattung erhalten. Und wir müssen die Gesundheitskosten insgesamt gerechter verteilen. Eine Zweiteilung des Systems in Basisleistungen, die durch eine Grundversicherung abgedeckt werden, und ein wesentlich kostenintensiveres Rundum-Versorgungs-Paket wird meiner Meinung nach unausweichlich sein. Das muss nicht zwangsläufig zu sozialen Härten führen, wenn eine gewisse Umverteilung durch Steuern stattfindet. Vergessen wir nicht: Unser Gesundheitssystem ist keine Versicherung, auch wenn wir es so nennen. Es ist eigentlich eine Steuer für Gesundheitsleistungen, die in einem absolut geregelten Markt durch staatliche Organe verwaltet und verteilt wird.

|Das Interview führte Achim von Michel, Pressesprecher des BVMW Bayern, Journalist und PR-Berater in München (www.wordup.de)

| Die Dr. R. Pfleger Chemische Fabrik GmbH wurde 1945 von Prof. Dr. Robert Pfleger gegründet. Sie ist seit 1974 im Besitz der Doktor-Robert-Pfleger-Stiftung und beschäftigt rund 300 Mitarbeiter. Als einer der führenden mittelständischen Arzneimittelhersteller in Deutschland entwickelt, produziert und vermarktet Pfleger ein umfangreiches Sortiment von ethischen Präparaten insbesondere aus den Bereichen Urologie und Dermatologie sowie von OTC-Produkten.Die Produktpalette umfasst heute mehr als 60 Fertigarzneimittel und Medizinprodukte in über 100 Handelsformen sowie ca. 20 Körperpflegeprodukte. Im Geschäftsjahr 2009 wurde ein Umsatz von 61,4 Millionen Euro erzielt.