Aus aktuellem Anlass: Besonnenheit in der Medienberichterstattung

| Die Ereignisse in Norwegen sind erschütternd, zutiefst bewegend und für mich persönlich nicht einmal im Ansatz nachvollziehbar. Ich fühle mich ohnmächtig.

Ich sehe konstruktive Anregungen an unsere Branche – deren Teil ich auf eine Art bin – als einzige Möglichkeit, dieser unfassbaren Destruktion etwas entgegen zu setzen. Ich will hier NICHT in den Tenor des Kommentars in der Süddeutschen Zeitung von heute einstimmen, wonach wir den Täter in irgendeiner Form gesellschaftlich ernst zu nehmen hätten (Link zum Artikel in der SZ). „ Er brauchte die Opfer, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren kann. Diesen Ernst zu verstehen – darum geht es jetzt. Denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten. „, so das Schlusszitat des Kommentators!

Nein! Für mich ist dieser Täter zutiefst gestört und verwirrt. Und er lästert Gott, und sonst gar nichts, wie der Kommentator des ZDF heute journal soeben treffend bemerkte. Eine andere Einschätzung habe ich nicht, und jede andere Einschätzung wäre auch fatal und zynisch nach meinem Empfinden!

Zwei Publikationen haben mich hingegen heute beeindruckt. Zum einen die Einschätzung von Psychologen, die schon lange unisono der Meinung sind, dass es zu einer elementaren Kontrollfunktion unserer Gesellschaft gehört, Amokläufern keine öffentliche Plattform zu bieten! Und damit sind vor allem die Medien gemeint, denn derartige Täter in ihrer für uns unverständlichen Weltsicht bauen vielleicht wirklich genau auf diese „grandiose“, weltweite Selbstinszenierung – wie uns das Ansinnen des Norwegen-Mörders, sich heute bei seiner Haftprüfung öffentlich zu erklären, eindrucksvoll gezeigt hat (Link zum vollständigen Artikel auf pressetext.de). Zum Glück wurde dieses Schauspiel verhindert.

Und auch der „Journalist“ hat heute sicherlich nicht umsonst seinen bereits 2009 veröffentlichten Leitfaden zur Berichterstattung bei Amokläufen erneut auf Facebook gepostet. „Dass Pressebeiträge Nachahmungstäter oder Trittbrettfahrer provozieren kön­nen, ist wissenschaftlich belegt. Auch deshalb rät der Deutsche Presserat zu besonderer Zurückhaltung bei Amokberichterstattungen. Auf Basis seiner bis­herigen Spruchpraxis, die geprägt ist von den Ereignissen in Erfurt, Emsdetten und Winnenden möchte er den Redaktionen Empfehlungen für den ethischen Abwägungsprozess geben„, ist dort zu lesen (Link zum Leitfaden des „Journalist).

Mir reicht es, wenn die elektronischen Medien ihrer so genannten Informationspflicht dahingehend gerecht werden, dass sie über ein Ereignis sachlich, prägnant und vor allem kurz informieren. Live-Coverage und Sondersendungen dazu sind unangemessen. Eine gute Zeitung gibt mir zeitversetzt alle Informationen, die ich benötige – vielleicht sogar erneut zu viele. Und ich glaube, wir alle tun gut daran, uns in solchen Situationen nicht noch über die sekundenschnell verfügbaren „Web 2.0-Medien“ den jeweils aktuellsten Link und die gerade zutreffende Einschätzung einer Situation zu übermitteln – sondern vielleicht einfach zu schweigen und in uns zu gehen im Angesicht von so viel Leid und Grauen (und hier sind direkt Betroffene natürlich explizit ausgenommen).

In Anteilnahme,

München, im Juli 2011

Achim von Michel